Emma-Louise bei den Wuffels

Geschrieben von Ueli Gerber

„Komm zurüüüüüüück Wuffeeeeeel, hüeregopfertami komm zurüüüüüüück“!

Mein neuer Musher, der Samojedenweltmeister von Oberwiesenthal, Kandersteg und Scharnitz, steht hinter mir auf dem Trainingswagen, und er brüllt dermassen laut, dass ich meine Ohren zuhalten muss.

Es ist mitten im August, 7 Uhr morgens oben in den Bergen, wir sind schon etwa einen Kilometer auf der Strecke. Wir, das sind sechs Samojedenhunde im Gespann vor dem Wagen, ich, Husky Emma-Louise sitze vorne, mein neuer Musher steht hinter mir auf dem Wagen. Er hat den Lenker und die Fussbremse bestens im Griff. Ich vertraue ihm, er ist sozusagen ein Profi, ich habe überhaupt keine Angst, nur eben, dass das soo laut wird und dass ich soo dreckig werde, das hätte ich zuvor nie erwartet. Ich war ja schon bei einigen Mushern angestellt, sogar im vergangenen Winter an der Weltmeisterschaft in Scharnitz in Oesterreich, aber eben immer auf Schnee, nie im Dreck wie heute.

Zwar hatten mich Piepy der Plüschvogel, Bär der Plüschbär, Hase der Plüschhase und Magerli-Muck der Draht-Holz-Glatzkopf gewarnt. Sie kennen meinen neuen Musher schon seit er ein Kind ist und haben noch heute einen Ehrenplatz in seinem Büro, gerade neben der Computertastatur.

Piepy, Bär, Hase und Magerli-Muck haben recht, mein neuer Musher ist zwar ok, aber er ist eine Wildsau. Kaum war ich zum ersten Mal bei ihm zu Hause in seinem Büro angekommen, stellte er mich nach einem kurzen „hallo Emma-Louise!“ seinen Freunden vor und sagte: „es geht gleich los. Schauen wir zuerst zwei drei Bilder an von unserem Schlittengespann im Winter, von den Wuffels, dann lass ich Euch etwas Zeit fürs Kennenlernen, und dann gehen wir raus, die Hunde trainieren, und nicht allzu spät will ich sehen, was in dir steckt Emma-Louise, schliesslich bist Du ein Husky, meine Hunde sind Samojeden.“

Ich hab’s ja gerne direkt, aber ehrlich gesagt, das ging dann schon sehr zackig! Zum Glück musste er zuerst noch seine Hunde füttern, so blieb etwas Zeit, Freundschaft zu schliessen mit den vier Lebensbegleitern meines neuen Mushers, und möglichst viel von ihm zu erfahren, ohne dass der dabei war, ich wollte nämlich alles Gute und alles Schlechte über ihn wissen. Man hat ja so seine gemischten Gefühle, wenn man an einen wildfremden Ort kommt. Ich hatte zwar zum Voraus so viel als möglich gegoogelt über das Goms. Das ist ganz oben im Wallis in der Schweiz. Und ich habe den Namen meines neuen Mushers eingetippt. Alles Googeln nützt Dir aber nichts, denn wie die Menschen wirklich sind, das musst Du selber erfahren.

Hase brachte es auf den Punkt: „Grundsätzlich ist er ok. Also wir haben nun jahrelang ein gutes Verhältnis miteinander, doch doch. Aber er ist eine Wildsau! Stell Dir vor Emma-Louise, er hat als Kind ein Seilbähnchen gebaut, das er von seinem Zimmer im zweiten Stock bis an einen Gartenpfosten auf einem gespannten Drahtseil im Wahnsinnstempo rauf- und runterrasen liess – wir, Piepy, Hase und Magerli-Muck mussten als Passagiere drinsitzen und Bär musste zuschauen! Wir hatten alle eine Höllenangst!“
„Ja genau, der kennt nichts!“ hat darauf Piepy nachgedoppelt. „Mich setzte er sogar einmal in sein ferngesteuertes Modellflugzeug, weil ich so klein und leicht bin! Ich habe noch heute einen Gehörschaden, und mir wird schlecht, wenn ich nur schon an diese Abgase denke, die mir direkt ins Gesicht föhnten.“
Auch der drahtige Magerli-Muck erzählte eine Horrorgeschichte von Dressurübungen mit der Hauskatze, er sei angebunden worden an ihrem Schwanz! Und der sonst eher stille Bär erinnerte sich lauthals an einen Ausflug in die hohen Berge, da sei er aussen an den Kinderrucksack geschnallt worden und habe über hunderte von Metern ins Tal hinunterschauen müssen! Es werde ihm noch heute schlecht, wenn er nur daran denke…

„Komm zurüüüüüüück Wuffeeeeeel! Hüeregopfertami komm zurüüüüüüück“! brüllt mein neuer Musher.

Wie anfangs erwähnt, ich sitze also auf diesem Trainingswagen, die Samojeden-Wuffels ziehen uns eifrig durch Dreck, Pfützen und über Stock und Stein. Ich höre das Hecheln, bin nass und es riecht nach Erde, ich werde durchgerüttelt und mein neuer Musher brüllt. Stress liegt in der Luft!

Vor dem Start, beim Hundetransporter, hat mir mein neuer Musher noch erklärt, Wuffel sei der Chef des Rudels. „Wuffel hat sein linkes Vorderbein lädiert. Frag mich nicht wie, jedenfalls hinkt der ganz bedenklich und ich lass ihn nicht mal frei mitlaufen, das muss zuerst wieder ausheilen. Wuffel, Du bleibst im Bus!“
Kaum sind wir nach ohrenbetäubendem Gekläffe während des Einspannens die ersten Meter in plötzlicher Stille gefahren – sobald nämlich Schlittenhunde arbeiten, kläffen und heulen sie nicht mehr – also kaum sind wir losgefahren über die erste Anhöhe, kam uns Wuffel hinterhergerast! Heiliger Strohsack! – diesen Kraftausdruck lernte ich beim letzten Musher – heiliger Strohsack, mein neuer Musher hatte wohl die Schiebetüre des Transporters nicht richtig geschlossen! Wuffel war ausgebrochen. Es war ein erbärmliches Bild, wie der arme Hund hinkte. Trotzdem gab er Vollgas und überholte uns sogar, denn es gab für ihn ja nichts zu ziehen und wenn ein Schlittenhund mal startet, kennt er keinen Schmerz mehr. Zu allem Übel sieht jetzt Wuffel in der Ferne weit vorne einen Husky und ein Mädchen stehen und wie es sich für einen Hunderudelchef gehört, steuert er voll auf die Beiden zu, seine Körperhaltung scheint zu sagen: „sorry Husky, aber andere Hunde ausser den Wuffels haben hier nichts zu suchen, hau ab, wuff wuff nochmal !“

Wuffel, Husky und Mädchen……. – …..oh-oooh, das kommt nicht gut! Sagt ich doch, Stress ist in der Luft!

„Wuffeeeeeel! Hüeregopfertami Wuffeeeel!“

Das Wort zwischen den zwei „Wuffeeeel“ ist glaub ich nicht gerade die schönste Rede meines neuen Mushers. Piepy hatte mich gewarnt, seit mein neuer Musher vor 27 Jahren von Basel ins Wallis in die Berge gezogen sei, brauche er so neue Ausdrücke, die könne man kaum übersetzen, Vieles davon würden sie, die vier Freunde, überhaupt nicht verstehen. Aber für den Abbau von Stress seien diese Worte extrem gut. „Hüeregopfertami“ sag‘ ich leise – Ich find’s noch recht cool, das Wort! Jedenfalls merke ich mir das, neue Kraftausdrücke kann man immer wieder mal gebrauchen, und „heiliger Strohsack“ finde ich bereits schon etwas langweilig, irgendwie abgedroschen.

Das komische Wort und noch andere dazu wiederholt mein Musher immer wieder. Je näher wir zum Mädchen kommen desto leiser, aber für mich immer noch deutlich genug: „hüeregopfertami Wuffel dü Saublag“ ….

Inzwischen holen wir auf, und in zirka 20 Meter Entfernung von Wuffel, Husky und Mädchen bremst unser Wagen.
Ich staune nicht schlecht. Wuffel und der Husky beschnüffeln sich friedlich, das Mädchen schaut in unsere Richtung. „Ja halloo, Ihr seid die Weltmeister und das ist wohl Emma-Louise auf dem Wagen?“ „Jaaa, woher kennst Du uns denn?“ „Vom Internet, denk, logomann, hier kennt Euch doch jeder, dürfen Denny und ich ein Selfie mit Euch?“
Mich haut es fast vom Wagen runter. Heiliger Stroh – äh ich meine hüeregopfertami! Erstens: die kennt mich und zweitens: der Husky ist sooo schön! Denny heisst er! Woaw, er hat genau so schöne blaue Augen wie ich…Denny und ich, Emma-Louise, wouaaah, Emma-Louise und Denny!

Inzwischen werden die eingespannten Hunde unruhig. „Schliesslich sind wir am Trainieren, weiter jetzt“ reklamieren sie und rupfen ungeduldig an ihren Zugleinen. Mein Musher muss wieder lauter reden, ja er brüllt geradezu, um die nun laut kläffenden Samojeden zu übertönen: „Hey Mädchen, halt mal meinen Wuffel, der ist uns nachgerannt, obwohl er lädiert ist und eigentlich geschont werden sollte! Rückt bitte ein paar Meter zur Seite in die Wiese raus und lasst mein Gespann vorbeiziehen!

„Go!“, ein Pfiff des neuen Mushers, Bremse losgelassen und Ruhe herrscht, nur das Kies unter den Rädern und das Hecheln ist wieder hörbar. Als wir an Denny, Wuffel und am verdutzten Mädchen vorbeischrammen, ruft mein neuer Musher noch: „Selfy geht jetzt wirklich nicht, ganz sicher später dann schon. Geh doch in die Richtung wo wir herkommen und nimm bitte Wuffel mit, dort steht mein Bus. Wir sind in etwa 25 Minuten zurück!“

Piepy, Hase, Bär und Magerli-Muck hatten recht. ER IST WIRKLICH EINE WILD SAU !
Nach vielen Dreckpassagen und Pfützendurchquerungen gelangen wir zum Bus zurück.
Das Selfy wird gemacht und ich bin ganz nahe bei Denny! Der schaut mir tief in die Augen, soo lieb!

Allerdings muss ich hierzu schon bemerken, dass mein neuer Musher auch ziemlich blöd ist. Stellt Euch vor, erst als das Mädchen fragt, ob er das Bild wolle, sagt er „ah ja gerne, kannst es whatsappen, ich geb Dir meine Nummer.“
Beinahe – ehrlich so blöd! – beinahe hätte er die zwei einfach so weggehen lassen, ich glaub’s ja nicht, hüeregopfertami ohne Handynummer!

Am Abend nimmt mich mein Musher wieder mit ins Büro. Ich nehme Platz neben der Tastatur. Zum Glück sitzen dort schon meine vier Freunde, Piepy, Hase, Bär und Magerli-Muck.

Wir hecken einen Plan aus: Heute Nacht – wenn mein Musher schläft – holt Bär das Handy mit dem Selfy drauf – Hase gibt das Kennwort ein – Piepy und Magerli-Muck leiten das Whatsapp weiter auf mein Handy –

……Und glaubt mir, den Denny hol ich mir!! Diese blauen Augen….!

Meinem neuen Musher sagen wir nichts, ALLES KLAR HÜEREGOPFERTAMI ?!

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