Emma-Louise bei den Hounds

Die Wuffel-Truppe hat mich im Wallis in den Zug gesetzt und mir gesagt, ich würde in Zürich auf dem Bahnhof abgeholt. In Zürich? Schlittenhunde? ich war ein bisschen hilflos und mir nicht sicher, ob alles klappt und ich nicht als Strassenhund in der grössten Schweizer Stadt enden würde..

Ein grosser Junge – wohl eher ein Teenager – mit langen Beinen wartete beim Treffpunkt und führte mich zu sich nach Hause: zuerst in der S-Bahn, dann durfte ich mich zum ersten Mal wieder bewegen, da wir einige Minuten laufen mussten, um in die Felsenegg-Bahn zu steigen – wow, ich fuhr zum ersten Mal in meinem Leben mit einer Luftseilbahn! Schlussendlich folgte noch ein 20-minütiger Spaziergang zum Hof, auf welchem ich die nächsten Monate verbringen durfte.

Ich wurde mehr als nur freundlich von der Meute aufgenommen, die Zahl der Hunde war grösser, als ich zählen konnte: ich zählte bis drei, dann nochmals drei und wieder drei, danach habe ich aufgegeben. Aber wisst ihr was? solche Schlittenhunde habt ihr bestimmt auch noch nie gesehen, auf jeden Fall mir waren sie völlig unbekannt. Aber Ninja, die Leithündin und Mutter von Oak, Selun, Loriot und Lia nahm mich dann zur Seite und klärte mich auf: „Weisst du Emma-Louise, wir sind Schlittenhunde, wie sie in Skandinavien seit bald 100 Jahren gezüchtet werden. Aber da wir auch heute noch vielfach für die Vogeljagd eingesetzt werden, sehen wir eher wie Jagdhunde denn wie die vornehmlich in Kontinentaleuropa bekannten Schlittenhunde aus. Und da sich die skandinavischen Musher kaum um das Aussehen ihrer Schlittenhunde kümmern, sehen wir teilweise ziemlich unterschiedlich aus; gemeinsam ist uns jedoch unser friedlicher Charakter, die unbändige Lauffreude sowie die Gesundheit, weil wir ausschliesslich als Arbeitshunde gezüchtet werden.“ So, jetzt habe ich wieder viel dazu gelernt; aber ich konnte es doch noch nicht so ganz glauben, dass diese freundliche und verspielte Truppe auch wirklich einen Schlitten ziehen kann.

Meine erste Nacht durfte ich auf einem weichen Wollteppich zusammen mit Grim im Haus verbringen; die älteren Hunde dürfen bei diesem Musher im Haus wohnen – das ist cool! aber auch alle anderen Hunde nächtigen in der Scheune, da sie dort v.a. im Winter besser vor Wind und Wetter geschützt sind, um nicht unnötig Energie zu verlieren – auch, um nicht von jedem Fuchs oder Dachs im Schlaf gestört zu werden.

Am nächsten Morgen gehe ich mit dem Musher raus. Was macht er jetzt? es ist schön und warm, er trägt Radlerhosen und ein T-shirt. Die Meute erhält eine dicke Fleischsuppe und alsbald packt er sein Mountain Bike und fährt mit ganz vielen Hunden einfach los. „Halt!!! wohin geht ihr? ich möchte auch mit!“ „Na klar kannst du mit, einfach hier beim Team bleiben und nicht irgendwo rumdüsen, ok?“ Ok, habe verstanden. Jetzt radelt dieser Musher doch mehr als eine Stunde quer durch die Landschaft, hält immer wieder an einem Brunnen oder Bach, damit die Hunde sich kurz abkühlen können, bevor es wieder weiter geht. Und wisst ihr was? dieses Team läuft einfach frei neben dem Rad her, keiner geht jagen, auch dürfen sie nicht zu Fussgängern, Pferden oder anderen Hunden hin; anfangs traute ich meinen Augen nicht, doch je länger die Ausfahrt dauerte, desto besser gefiel mir dieses Leben. Und dieses Prozedere macht er jeden Morgen ausser sonntags, da gönnt er sich und den Hunden eine kleine Pause – und wenn’s regnet, das mag der Musher überhaupt nicht; wobei, er hat Hunde, z.B. Solo, der kommt dann nicht mal in den Freilauf, weil er sonst nasse Füsse bekommen würde, ganz im Gegensatz zu den Babies (sind mittlerweile 10 Monate alt), die bei jedem Wetter unermüdlich spielen.

Im Herbst frage ich den Musher, ob er denn nicht „richtig“ trainieren müsse, die anderen würden das doch schon lange machen. Ich bekam nur eine kurze Antwort: „nein, ist noch zu warm.“ Als die Morgentemperaturen unter 8 °C fallen, macht auch er sich langsam ans Gespannttraining und legt eine lange Leine aus, schirrt 10 Hunde (merkt ihr was? ich kann schon bis 10 zählen) und spannt sie ein; mich setzt er hinter den Wasserkanister auf den Sitz auf dem Trainingswagen. Ob die nun diesen schweren Wagen mit Zusatzgewichten überhaupt bewegen können? und wie sie losstürmen, über die Strasse, den steilen Hüttenweg hoch, dass mir fast der Atem zu stocken beginnt. Nach einigen Kilometern hält er an, spannt alle aus, gibt ihnen Wasser, lässt sie aushecheln, bevor es wieder weiter geht. Irgendwie trainiert der anders, als meine früheren Gastgeber, aber die Hunde sind immer voll motiviert und verlangsamen ihr Lauftempo auch nach vielen Kilometern nicht; darüber muss ich mal noch nachdenken.. Zwischendurch, wenn’s wieder zu warm war, stieg er wieder aufs Bike um und ging radeln. Er sagt, das sei gut für die Ausdauer und für die Sauerstoffaufnahme im Muskel der Hunde, aber das verstehe ich nicht richtig.

Anfang Dezember beginnt er seinen Anhänger zu packen, macht Listen, bestellt in einer fremden Sprache Fleisch, viel Fleisch, bucht sogar eine Fähre und eines Tages weckt er mich mitten in der Nacht: „Emma-Louise, los geht’s!“

Wir werden verladen, der Anhänger ist voll mit Hunden und Smilla darf sogar mit mir im Auto fahren, weil es sonst keinen Platz mehr hat. Manchmal hält er an und lässt uns raus. Ich glaube, er kennt sich ganz gut aus, denn es hat dann immer viel Platz und ist weg von der Strasse, sodass wir uns wieder frei die Beine vertreten können. Doch schon bald trommelt er uns wieder zusammen und weiter geht die Fahrt, bis wir in Kiel auf eine grosse Fähre gehen; da wirds mir schon ein bisschen mulmig; die anderen Hunde beruhigen mich jedoch, das sei überhaupt kein Problem, der Musher komme immer wieder zu uns und wir dürfen dann mehrmals raus um zu spielen, fressen und trinken, es werde jedoch einfach eher laut und manchmal kann es schaukeln..

Nach einem weiteren Tag Fahrt erreichen wir ein Traumland: Schnee, Birken, kleine Hüttchen, kalte Temperaturen und viel Ruhe. Hier werden wir also die nächsten Wochen verbringen, um zu trainieren. Bald schon kommt die Familie des Mushers nach, sodass ich mit den beiden Jungs und den Junghunden Stunden im Schnee rumtollen kann und abends glücklich bei Smilla auf dem Sofa einschlafe – es ist wie im Paradies! Und wisst ihr warum? wir sind nie eingezäunt, nie angebunden, immer frei und alle bleiben einfach da; wieso sollten wir weglaufen, wenn wir es so toll haben? und wohin denn überhaupt?

Nach dem Norwegentrip gehts wieder zurück auf den Hof, aber schon bald reisen wir in die Dolomiten, um weitere Trainingseinheiten zu absolvieren. Mann, sind diese Trails dort steil, die Luft dünn, das Tal eng; auch schön, aber in Norwegen hat es mir besser gefallen.. Nach wenigen Wochen zuhause beginnt erneut die Packerei, ich traue meinen Augen nicht; jetzt gehen wir schon wieder weg? und siehe da, das Paradies ruft nochmals, sodass ich gar nicht mehr nach Hause will. Aber so ganz alleine in den Norwegischen Bergen darauf warten, bis meine neuen Freunde im nächsten Dezember wiederkommen? das ist dann doch zu lange..

Das Rennen in Norwegen verlief nicht nach dem Wunsch des Mushers, aber er war nur kurz traurig, einige Tage ein bisschen ratlos, was er wohl falsch gemacht hat – und noch immer wehmütig, dieses schöne Land für viele Monate hinter sich zu lassen. Doch jetzt geniesst er den Frühling und die hoffentlich bald eintreffenden wärmeren Temperaturen; und schon hat dieser „Verrückte“ wieder das Rad gesattelt und streift mit seinen Hunden durch die Wälder und Wiesen in seinem Reich, der Albiskette oberhalb des Zürichsees.

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